Aufgelesen
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Anmerkungen zu Allem
14.1.03
An-ständig. Nun weiß ich, was da gefehlt hat: Harald Schmidt ist wieder da. Mampfend (Schwarzwälder Kirsch von C&W, die haben es verdient) sinniert er über Napoleon, den Kanzler, den Pessimismus, den Bundespräsidenten, den Optimismus – und lässt eine Gegendarstellung verlesen. Welcome back!

Aufgelesen von Ulrich um 23:44
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13.1.03
Geburtstage zu früh - zu spät. Der Spiegel kommt heute, wo Focus sein Zehnjähriges gut eine Woche zu früh zelebriert, mit einem Glückwunsch in eigener Sache gezielt zu spät: Auf Seite neun gratuliert sich, ganzseitig, der Spiegel in der Süddeutschen: "Die Nr. 1. Der Spiegel hat Geburtstag. Vor 56 Jahren - am 4. Januar 1947 - erschien die legendäre Nummer 1." Weiter hinten, auf der linken Seite 20 mit einer Viertelseite etwas bescheidener: Focus.
Ach ja. Die letzte Zeile der Spiegel-Anzeige: "Geblieben ist die Nummer 1: Die Position als das deutsche Nachrichten-Magazin." Glückwunsch!

Aufgelesen von Ulrich um 16:20
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Wichtige Quelle zum Alltagsleben. Manchmal ist es gut, dass es Serien gibt. Die in der Süddeutschen über Aufmacher stellt heute Karl August Böttiger vor. Wie, den kennen Sie nicht? Macht nichts, Hermann Unterstöger (auch einer von denen, wo man sich auf die Lektüre freut) stellt die"wichtige Quelle zum Alltagsleben des klassisch- romantischen Zeitalters" vor: "In Goethes Augen war Böttiger einer „der gründlichsten Schufte, die Gott erschuf“ – ein Hammer, wie er heutzutage immer wieder auch den Boulevardjournalisten auf den Kopf fällt. Mittlerweile neigt man dazu, Böttigers Aufzeichnungen als wichtige Quelle zum Alltagsleben des klassisch- romantischen Zeitalters zu nehmen. Die Kollegen vom Fach Klatsch & Tratsch mögen, wenn sie wollen und auch ansonsten Böttigers Format haben, sich daran aufrichten."

Aufgelesen von Ulrich um 16:10
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12.1.03
Bild am Sonntag. So klein und so nackt – bedeckt nur mit dem Neuschnee der Vorwoche. Im Namen aller Putten in Dresden und anderswo: Es soll warm und Frühling werden! Aber nicht Schmuddelwetter, gell?
Putten am Beyer-Bau der TU Dresden. Bild: UVS
Putten am Beyer-Bau der TU Dresden. Aufgenommen am 9.1.2003. Bild: UVS

Aufgelesen von Ulrich um 17:10
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11.1.03
Der zehnte Geburtstag. Focus wird zehn Jahre alt. Zwar eigentlich erst am 18. Januar – denn da erschien das erste Heft. Doch schon am kommenden Monatg erscheint das Fakten - Fakten - Fakten -Jubiläimsheft. In der Süddeutschen widmet Hans-Jürgen Jakobs schon heute dem "Planeten Markwort" einen Beitrag: "Der Focus-Macher sitzt am Jubiläums-Heft vom kommenden Montag. Es gibt viele Geschichten aus einer Dekade, ein Preisrätsel, einen Wissenstest und eine Foto-Galerie mit allen 320 Mitarbeitern, wobei jene 51, die von Anfang an dabei sind, im Impressum rot gedruckt werden." Doch "im Verlag ist vielen nicht zum Feiern zumute. In guten Zeiten hatte Focus ein Drittel zum Konzerngewinn beigetragen, heute ist es deutlich weniger; das einstige Ruhmesblatt verlor im vergangenen Jahr 19 Prozent der Anzeigenseiten, mehr als der Spiegel (minus 15 Prozent)."

Aufgelesen von Ulrich um 13:57
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Der 90. Geburtstag. Nein, nicht Miss Sophie feiert heute – die wird immer zu Silvester neunzig. Diesmal feiert die Coca-Cola-Flasche. Eine kurze Kulturgeschichte unter dem Motto Brauner Saft in erotisch-griffigem Glas liefert Wolfgang U. Eckart – und wir lernen: "Durch ein Versehen hatte der Produktdesigner, der die Cola- Flasche 1913 orientiert am Vorbild des Coca-Blattes – unverkennbar selbst bei Nacht und sogar zerbrochen, so der Auftrag ? entwerfen sollte, in der Encyclopaedia Britannica einige Seiten zu weit geblättert; und so wurde die Flasche nicht nach dem Coca-Blatt, sondern nach der Cacao-Frucht entworfen. Ein folgenreiches Missgeschick. ... Dass sein griffiges outfit eine unverkennbar phallische Symbolik repräsentiert, war vielleicht nie ein beabsichtigtes, wohl aber immer gern in Kauf genommenes Attribut des Saftbehältnisses. Die jungen victorianisch-modellhaft nachgezeichneten attraktiven Frauen der frühen Cola-Werbung mit Coke-Flaschen in ihren zarten Händen erregen bis heute Männerphantasien. Und das sollen sie auch."

Aufgelesen von Ulrich um 13:41
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Die Gunst der Kunst? "Mit melancholischen Idealisten ist kein Staat zu machen. Deshalb ist es nur konsequent, dass im rot-rot-regierten Berlin der Steueremigrant Friedrich Christian Flick ("Mick") nach langer, vergeblicher Suche quer durch Europa endlich ein Domizil für seine Sammlung zeitgenössischer Kunst gefunden hat. Was von den Lokalgrößen in wohlgesetzten und bedeutsam klingenden Worten als großer Schritt auf dem Weg zu einer Kulturmetropole gefeiert wird, entpuppt sich, von den schmückenden Beiworten gereinigt, als Abweg und Heuchelei. Ein reicher Mann bekommt ein Denkmal gesetzt und darf den Familiennamen reinigen."
Harsche Worte, die
Hans Leyendecker in der SZ findet. Doch er weiß sein Urteil zu begründen ? und schreibt auch nicht zum ersten Mal über das Thema. Ein (für mich neuer, sehr berechtigter) Kritikpunkt: Das Ganze ist erst einmal eine Leihgabe. Dazu Leyendecker: " Wahre Mäzene (wie das Ehepaar Inge und Peter Ludwig) leihen nicht, sondern schenken. Denn ansonsten darf an der Uneigennützigkeit des Gebers gezweifelt werden. Durch die Präsentation im Museum wird der Wert einer Sammlung gesteigert, was für den Verleiher profitabel ist. Solcher Vorverdacht wäre Flick doch sicherlich unangenehm. Auch stört Außenstehende, dass bei den Verhandlungen in Berlin eine mit Mick Flick verbandelte Firma eine Rolle spielte, die in einer Steueroase residiert. Auch wenn das Stil im Hause Flick ist ? es gibt Grenzen des Zumutbaren."
Further reading: Hier und heute.

Aufgelesen von Ulrich um 13:39
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10.1.03
Selten so einen schlechten Film gesehen: "Die große Flut", eine Hochwasser-Dokumentation des NDR von Ralf Kaiser, Hauke Wendler, Alexander von Klitzing, gesehen im dritten Programm.
Schöne Bilder aus dem späten Herbst, frühen Winter von der Elbequelle, ein Mann aus dem Off täuscht mit Grabesstimme Seriösität vor. Aber die Bilder passen nicht zu den Texten, so viel Falsches habe ich selten gehört und gesehen. Bei einer aktuellen Reportage kann man das verzeihen, aber bei einer Dokumentation mit diesem Abstand?
Alles wird an der Elbe festgemacht (weil auch Hamburg mit dem NDR dran liegt?) Da werden die Ereignisse assoziativ dem Elbhochwasser zugeschlagen, die damit nichts, aber auch gar nichts zu tun hatten: Müglitz (Weesenstein), Weißeritz (Freital war zu erkennen und eine der Talsperren) und Mulde (mit Grimma) – hier waren die zerstörten Häuser zu sehen, die reißenden Wassermassen. "9 Meter 40 – Jahrtausendhochwasser der Elbe" der Kommentar dazu. Was für ein Quatsch: Die reißenden Fluten der genannten (und anderer kleiner) Nebenflüsse der Elbe kamen am 12. und 13. August über die ahnungslosen Anwohner, die Elbe stieg absehbar und nicht so reißend: 9,40 Meter hatte sie am 17. August in den Morgenstunden erreicht.
Und dann die Bilder: Für Grimma gab es offensichtlich nicht genug Material: Eine Szene wurde innerhalb drei Minuten dreimal, eine andere in der gleichen Zeit zweimal wiederholt. Ein davon schwimmende Haus kam gleich mehrfach zur Bebilderung allgemeinen Textes vor – so weit ich mich erinnern kann, war das irgendwo elbabwärts (erläutert wurde die Szene nicht) und passte nicht in den Kontext. Hauptsache aufregende Bilder, zum Text muss es ja nicht passen.
Und sogar der Meteorologe, der da mit roter Mütze im Winterwetter an verschiedenen Standorten interviewt wurde, informierte falsch: Nein, das ursprüngliche Bett der Weißeritz führte nicht durch den Hauptbahnhof. Und wann der Fluss umgeleitet wurde, sagt er auch nicht – wer es nicht weiß, musste denken: So um 1990 im Rahmen der Wende (es war aber schon Ende des 19. Jahrhunderts).
Und im Winter schon wieder Hochwasser, die Auen überschwemmt. Ja, meine Lieben: Dafür hat die Elbe (im Gegensatz zum Rhein) ja die Auen: Die sind, auch in einer großen Stadt wie Dresden, als Überschwemmungsgebiet für Hochwasser gedacht. Sogar das Dresdner Terrassenufer ist Teil des Systems: Dass es überflutet ist, gehört deswegen auch zum Jahresablauf. Das ist keine Katastrophe, auch wenn es nun so geschildert wird (in den zwölf Jahren, die ich in Dresden lebe, war das noch nie eine Nachricht wert. Erst jetzt).
Und dann diese Sensationshascherei der besonderen emotionalen Art: "Monate danach sieht er das erste Mal die Bilder der Katastrophe" sagte die Grabesstimme aus dem Off – zu einem in die Landschaft gestellten Monitor. Ob's stimmt?


Aufgelesen von Ulrich um 21:40
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Der Freitags-Tucho. Gestern Nacht (eigentlich war es schon heute) beim Zappen im Dritten eine Sendung aus alten Tagen gesehen: Psst mit Harald Schmidt. Der war jung, trug eine Matte und scheute sich nicht, Robert Lembkes (17.9.1913 –14.1.1989) "Was bin ich" (1955 – 1988) abzukupfern, nur ohne Hund und Schweinderl. Als prominenter Gast kam Jörg Wontorra und outete sich: Sein erster für die Lübecker Nachrichten geschriebene Artikel sei gar nicht von ihm gewesen, sondern von Kurt Tucholsky. "Es gibt keinen Neuschnee" hatte das Stück geheißen, und Wontora hatte lediglich die Überschrift geändert in "Alles schon mal dagewesen" (!). Sein Erstlingswerk wurde gedruckt.

Es gibt keinen Neuschnee

Wenn du aufwärts gehst und dich hochaufatmend umsiehst, was du doch für ein Kerl bist, der solche Höhen erklimmen kann, du, ganz allein -: dann entdeckst du immer Spuren im Schnee. Es ist schon einer vor dir dagewesen.
Glaube an Gott. Verzweifle an ihm. Verwirf alle Philosophie. Laß dir vom Arzt einen Magenkrebs ansagen und wisse: es sind nur noch vier Jahre, und dann ist es aus. Glaub an eine Frau. Verzweifle an ihr. Führe ein Leben mit zwei Frauen. Stürze dich in die Welt. Zieh dich von ihr zurück . . .
Und alle diese Lebensgefühle hat schon einer vor dir gehabt; so hat schon einer geglaubt, gezweifelt, gelacht, geweint und sich nachdenklich in der Nase gebohrt, genau so. Es ist immer schon einer dagewesen.
Das ändert nichts, ich weiß. Du erlebst es ja zum ersten Mal. Für dich ist es Neuschnee, der da liegt. Es ist aber keiner, und diese Entdeckung ist zuerst sehr schmerzlich. In Polen lebte einmal ein armer Jude, derhatte kein Geld, zu studieren, aber die Mathematik brannte ihm im Gehirn. Er las, was er bekommen konnte, die paar spärlichen Bücher, und er studierte und dachte, dachte für sich weiter. Und erfand eines Tages etwas, er entdeckte es, ein ganz neues System, und er fühlte: ich habe etwas gefunden. Und als er seine kleine Stadt verließ und in die Welt hinauskam, da sah er neue Bücher, und das, was er für sich entdeckt hatte, das gab es bereits: es war die Differentialrechnung. Und da starb er. Die Leute sagen: an der Schwindsucht. Aber er ist nicht an der Schwindsucht gestorben.
Am merkwürdigsten ist das in der Einsamkeit. Daß die Leute im Getümmel ihre Standard-Erlebnisse haben, das willst du ja gern glauben. Aber wenn man so allein ist wie du, wenn man so meditiert, so den Tod einkalkuliert, sich so zurückzieht und so versucht, nach vorn zu sehen -: dann, sollte man meinen, wäre man auf Höhen, die noch keines Menschen Fuß je betreten hat. Und immer sind da Spuren, und immer ist einer dagewesen, und immer ist einer noch höher geklettert als du es je gekonnt hast, noch viel höher.
Das darf dich nicht entmutigen. Klettere, steige, steige. Aber es gibt keine Spitze. Und es gibt keinen Neuschnee.

Kaspar Hauser, Die Weltbühne, 07.04.1931, Nr. 14, S. 515 (c) Rowohlt Verlag

Aufgelesen von Ulrich um 10:22
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Susannes scharfe Sauerkrautsuppe. Gestern haben wir gelernt, warum Nasen laufen, wenn man aus der Kälte ins Warme kommt. Und heute werden wir erfahren, dass man zur Erzielung des gleichen Effekts gar nicht in die Eiseskälte heraus muss. Es reicht nämlich, eine schöne heiße Suppe zu essen. Weil wir aus gewöhnlich gut unterrichteten Kreisen von der sagenhaften Durchschlagskraft der scharfen Sauerkrautsuppe gehört hatten, probierten wir die Suppe. Natürlich macht sie jeder etwas anders. Ich so:
Die Menge der Zutaten ist, wie so oft seit Einstein, sehr relativ. Es kommt (natürlich) auf die Zahl der Mitesser(innen) und deren Appetit an, aber auch auf deren Geduld und Wiederholungsbereitschaft. Immerhin wusste schon die Witwe Bolte den guten Geschmack von Aufgewärmtem zu schätzen...
Wir nehmen also ein, zwei der größeren und milderen Gemüsezwiebeln. Die müssen geschält und geschnitten werden – weil Winter ist, verzichten wir großzügig auf die sonst üblichen fünf Millimeter Kantenlänge und geben uns mit Gröberem zufrieden. Nun die erste Überraschung: Knoblauch kommt in diese Suppe! Ein Zehchen pro Teller ist nicht übertrieben, es darf auch mehr sein. Wir empfehlen: Knobi nicht durch die Presse drücken, sondern schälen und in dünne Scheiben schneiden. Sehr dünne Scheiben.
Überraschung Nummer zwei: Suppengemüse soll da rein! Geputzt und klein geschnitten, bitteschön.
Wenn das Originalrezept verlangt, das Sauerkraut klein zu schneiden, sollte man das durchaus ernst nehmen. Ich tat es nicht. Habe statt dessen lieber die Dosentomatendose geöffnet!
Nach all diesen Präparationen geht es los im Topf: Olivenöl (für diese Suppe empfehle ich solches aus Kreta!) hinein, erwärmen und dann auf mittlerer Hitze Zwiebeln, Knoblauch, Suppengemüse in dieser Reihenfolge hinzugeben, rühren, andünsten. Sauerkraut (bei uns war es ein Pfund) mit gegebenenfalls vorhandenem Saft hinzufügen und guuuuut rühren. Nach etwa zehn Minuten die Tomaten aus der Dosentomatendose in den Topf schütten und – rühren.
Zur Versuppung dieser Masse empfehlen sich ein bis zwei Gläser Gemüsefonds, die mit gleicher Menge Wasser verdünnt werden. Sollte im Verlauf der Herstellung zufälllig ein Champagner geöffnet worden sein, könnte man den auch hinzufügen (ein Schlückchen natürlich nur). Und sollte der Champagner ein Rieslingsekt oder ein Prosecco sein: Hinein damit, hinein!
Erwähnte ich schon, wie rührend es wäre, die Suppe zu rühren?
Danke für das Rühren.
Nun die Abschmeckwürze: Salz, Pfeffer (ich tät' weißen nehmen, frisch gemahlen), Oregano und Sambal Oelek.
Rühren.
Rühren.
Rühren.
Und nach einem Stündchen servieren – mit einem Klacks Saurer Sahne oder Crème fraîche.
Und wenn jetzt noch jemand sagt, dass das ja wie Soljanka mit ohne Fleisch schmecke – stimmt!
Und wenn jemand, sagen wir mal: Chorizo oder Salami hineinschnippeln möchte, weil ja wegen der Existenzförderung von Landwirten, Schlachtern und Metzgern nicht alle Vegetarier sein können: Auch das geht. Sogar gut. Nur dann ist es wirklich bald 'ne Soljanka...

Aufgelesen von Ulrich um 09:38
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9.1.03
Warum läuft die Nase, wenn ich nach dem Gang durch die - zugegeben: klirrende - Kälte ins Warme komme? Da fragen wir doch mal Herrn Google und bekommen ungefähr 69.400 Antworten. Es wird den Herrn Röll freuen, dass der erste Link mit vernünftiger Antwort auf Luxemburg weist. Wir zitieren:
"WARUM läuft die Nase?
Wenn die Nase läuft, heißt das, dass die Nasenschleimhaut Flüssigkeit produziert, die abgesondert wird. Normalerweise ist das der Fall, wenn man erkältet ist. Dann sind die Schleimhäute gereizt und schwellen an. Die Sekretproduktion der Nase erhöht sich sozusagen aus Notwehr: Der Körper versucht die Viren herauszuspülen, die sich dort eingenistet haben. Auch beim Eintreten aus der Kälte in einen warmen Raum kann die Nase plötzlich tropfen. Die Schleimhäute müssen in der Kälte viel leisten, da sie die eingeatmete Luft vorwärmen und befeuchten. Sie sind dann stark durchblutet und aktiviert und produzieren Schleim; deshalb läuft die Nase."

Aufgelesen von Ulrich um 20:26
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Erkenntnis. 2002 war ein schwieriges Jahr. 1998 auch. 1997 auch. 1973 auch. und 1929 ebenfalls.
Julius Bär, ehrlich seit 1890.
Julius Bär. True to you.

Mehr Text steht nicht in der 1/4seitigen Anzeige in der Süddeutschen von einer
Company, die ich bis dato gar nicht kannte - wohl weil Vermögensverwaltung und Anlageberatung nicht akut anfallen. Und Aufträge für Anzeigengestaltung offensichtlich auch nicht. Sie haben ja schon eine(n), die (der) es kann...

Aufgelesen von Ulrich um 20:18
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Wo bitte geht's zur Stadt? Den abenteuerlichen Weg vom Dresdner Hauptbahnhof zur Stadt schildert Tilo Harder in der Sächsischen Zeitung und erlebt sibirische Verhältnisse in Elbflorenz: "Am Ende des Bahnsteiges wartet in einem Holzverschlag ein frierender Mann darauf, dass ihm jemand ein Paar von seinen feilgebotenen Wollsocken abkauft. Gegenüber im Container gibt es Zeitungen und Bücher. Links der Durchgang ist mit Brettern vernagelt. Gleich neben dem Sockenstand ein Imbisswagen: Krimskoje, Wodka und Matrjoschkas stehen in der Auslage. Die Pelmeni dampfen auf der Pappe. Sie müssen schnell gegessen werden, sonst sind sie kalt. Weiter hinten werden Fahrkarten in einem weiteren Container verkauft. Ein Schild verbietet das Aufwärmen und verweist auf den Wartesaal in der Kuppelhalle."
Keine gute Werbung für die Stadt - und Besserung ist nicht abzusehen: Am Wiener Platz vor dem Bahnhof wird und wird und wird weiter gebuddelt, weil die Stadt nicht aus dem Quark kommt. "Wo ist Elbflorenz?" fragt sich der Autor - "Liegt der Eindruck, hier sei Nowosibirsk, nur an Frost und Pelmeni?"

Aufgelesen von Ulrich um 20:08
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8.1.03
Die schärfsten Kritiker... Schon gestern in der Süddeutschen Zeitung, aber besser spät als gar nicht vermeldet: Teil fünf der Serie über bedeutende Journalisten. Dieses Mal:Gotthold Ephraim Lessing. Kostprobe: "Einer seiner ersten Zeitungsartikel, den Gedichten von Johann Christoph Gottsched gewidmet, endet 1751 mit den Worten: „Diese Gedichte kosten in den Vossischen Buchläden zwei Taler und vier Groschen. Mit zwei Talern bezahlt man das Lächerliche und mit vier Groschen ungefähr das Nützliche.“ Das ist erstens immer noch ziemlich lustig, was ja etwas heißen will, weil nicht viele Witze 250 Jahre halten, und zweitens ist es für Lessings Modernität kennzeichnend, weil Gottsched selber die Kritik erst ein paar Jahrzehnte zuvor in Deutschland etabliert hatte, gleichsam wie ihr Papst in Leipzig thronte und nun von seinem eigenen Epigonen rücksichtslos wegrasiert wurde. Gotthold Ephraim Lessing, geboren 1729 in Kamenz, Sachsen, gestorben 1781 in Berlin, war nicht der erste, aber der erste vernichtende Kritiker deutscher Sprache."

Aufgelesen von Ulrich um 16:37
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7.1.03
Mittags im Schnee. Die Aktivitäten mittlerer und größerer Firmen rund um die Mittagszeit sind geleitet vom Bedürfnis, gemeinsam satt zu werden. Wenn's schon nicht schmeckt in Kantine, Bistro oder Mensa, dann wenigstens das Leid mit anderen teilen. Unser Team sollte dieses Mal ein lustiger Dreier sein.
Mein Abholer sah also, der widrigen Witterung entsprechend eingemummt, zur Tür hinein und sprach "Wir gehen!" Zur Feier des neuen Jahres war der ausgewählte Ort der Nahrungsaufnahme eine veritable Gaststätte, die bei Studenten und Professoren der Universität gleichfalls beliebt ist - wohl auch, weil sie essbare und preiswerte Speisen sowie günstig Wein und Gebrautes aus der Region anbietet.
Ich also die Daten am Computer gesichert, den Mantel angezogen und raus auf den Flur.
Leer war der.
Also rein ins gegenüber liegende Zimmer, wo die Sekretärin meines Abholers mir versicherte, der Chef sei nicht mehr da, er wolle eben "schnell was essen". Aber ich könnte ja, drucks drucks, als Mann vielleicht mal nachsehen, drucks drucks, ob er vielleicht, drucks drucks.
Ich also aufs Klo, aber auch da war er nirgendwo.
"Die werden wohl vorgegangen sein!" dachte mein Hirn und lenkte den Körper bergauf gen Gaststätte. Schnaubend kam ich an und sah - niemanden. Aber auch gar keinen Menschen. Doch, einen: Die Bedienung. "Meine Leute sind wohl noch nicht da, da gehe ich mal. Vielleicht bis gleich!"
Raus ins Gestöber, ran ans Handy. "Hier ich, aber eigentlich nur die Mailbox! Wenn Sie was zu sagen haben, rufe ich zurück!" Na toll, ich liebe diese Kommunikationsverweigerer. Bergab ist's kälter als zuvor, weil Gegenwind. Begeistert also trabe ich ins Büro, um die eine oder andere Mail abzuarbeiten.
Das Telefon klingelt im Auswärtsgesprächton. "Ja, Mensch, wir sind's! Kommste nach? Wir warten mit der Bestellung!"
Ich rein in den Mantel, raus in den Schnee, rauf den Berg und haste nicht gesehen bin ich da, wo die anderen auch schon sind – sie hatten einen anderen Weg genommen, nachdem ich nicht kam.
Wir haben nett gegessen (Chili con carne), gut getrunken (Shiraz) und sogar Dienstliches besprochen, zu dem man im Büro nie kommt, weil das Telefon immer geht.
Morgen werden wir es wieder so machen – oder ähnlich. Hauptsache: Laufen. Soll ja gesund sein...


Aufgelesen von Ulrich um 14:14
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6.1.03
Schön geforscht. Die Frage ist nicht, ob man studiert und danach weiter forscht, sondern was: Dresdner Bauingenieure werden mit Medizinleistungen motiviert. Martin Voracek von der Universität Wien und Maryanne Fisher von der York University in Toronto haben alle 577 Playboy-Ausgaben bis Dezember 2001 ausgewertet. Und sie stellten fest: Die Models im Playboy sind seit dem ersten Heft des Herrenmagazins im Jahr 1953 knabenhafter geworden und haben immer kleinere Brüste und schmalere Hüften. Während in den fünfziger Jahren vor allem Damen vom Typ Marilyn Monroe den Geschmack der Herren trafen, sind es heute offensichtlich dünne und großgewachsene Frauen wie Kate Moss. Die Ergebnisse erschienen im British Medical Journal, welches sich in seiner Weihnachtsausgabe traditionell auch Themen widmet, "die wirklich von Bedeutung sind".

Aufgelesen von Ulrich um 13:19
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5.1.03
Bild am Sonntag Schlittschuh laufen vor dem Moritzburger Schloss gehört zum beliebten Wintervergnügen der Dresdner. Die Moritzburger Teichlandschaft eignet sich besonders gut, weil die Teiche nach dem Abfischen nicht sehr tief sind und schnell frieren. Und schön ist es auch, zumal rund ums Schloss, das schon für den Film "Drei Haselnüsse für Aschenbrödel" die Kulisse bildete.

Eislauf vor Schloss Moritzburg. Bild: UVS

Eislauf vor Schloss Moritzburg. Aufgenommen am 26.12.2002. Bild: UVS

Aufgelesen von Ulrich um 21:53
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Komme gleich wieder! Godot. Weil heute vor 50 Jahren Samuel Beckett's "Warten auf Godot" uraufgeführt wurde, schreibt Willi Winkler einen wunderbaren Artikel über Beckett, das Leben und all das. Seine Empfehlung für den Abend: "Und jetzt legen Sie bitte „Aftermath“ von den Rolling Stones auf, stellen den CD-Player auf 11 und hören Sie, wie der noch ganze junge Mick Jagger singt, als wäre er 60 oder 70: „I am waiting/I am waiting/ Waiting for someone to come out of somewhere ..."

Aufgelesen von Ulrich um 21:49
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Telefon (mobil). "Es gibt 80 Millionen Menschen in Deutschland und 60 Millionen Handys. Nur Säuglinge, Taubstumme und Bettlägerige besitzen offenbar (noch) keins." Oliver Fuchs schreibt eine kurze Geschichte des Handys und behauptet in der Süddeutschen: Mein Handy sieht auch dich!

Aufgelesen von Ulrich um 21:48
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Telefon (Festnetz). Wir haben schon immer geahnt, dass der Fortschritt uns zu schaffen macht. Klaus Fischer bringt es in der Süddeutschen auf den Punkt: "Das eigentliche Problem bei ISDN ist der Mittagsschlaf. Man legt sich aufs Sofa, grübelt über Probleme, die keine sind, und sobald man endlich beim Einschlafen ist, schellt das Ding." Der ganze Beitrag ist "Tee mit Matratzen" überschrieben, ist köstlich und steht hier.

Aufgelesen von Ulrich um 21:47
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4.1.03
Hochwasser-geschädigt. Der Anstand und sicherlich auch einige Paragraphen verbieten es, die Reporter des ZDF hirngeschädigt zu nennen. Hochwassergeschädigt aber sind sie. Da stellen sie sich ins Wasser, um live zu berichten - welch ein Unsinn, denn da, wo sie stehen, ist garantiert in einem Meter Entfernung trockenes Land für die Technik. Wozu das Theater: Reporter sollen über die Wirklichkeit berichten und nicht so tun, als seien sie die Macher. Warum einer der Kollegen dann auch noch stolz berichtet, "auf dem Deich tief eingesunken zu sein, so durchnässt ist der", möchte ich gerne wissen: Was hat der da zu suchen: Will er den Deich zum Durchbruch bringen? Investigativer Journalismus ist was anderes, ehrlich!
Vielleicht sollten die Damen un Herren dafür lernen, etwas genauer zu formulieren: "Auch der Osten versinkt wieder in den Fluten!" suggeriert natürlich genau das Falsche: Die Orte in Thüringen, die dann als Beispiel genannt wurden, sind im Sommer überhaupt nicht betroffen gewesen. Ostdeutschland ist doch etwas größer als ein Dorf. Und über Formulierungen wie "Für die Menschen spitzt sich die Nacht zu" können schon nicht einmal mehr Volontäre lachen...


Aufgelesen von Ulrich um 13:13
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3.1.03
Der Freitags-Tucho. Ist schon interessant, wie auch alte Seiten plötzlich überall als Neuigkeiten verkauft werden, obwohl sie offensichtlich seit 2001 nicht mehr bedient werden. Man muss ja nicht auf jeden Hype reinfallen, weswegen wir die Tradition der Originale pflegen und achtzig Jahre alte Texte aktuell finden...

Die Familie

                    Die Griechen, die so gut wußten, was ein
                    Freund ist, haben die Verwandten mit
                    einem Ausdruck bezeichnet, welcher der
                    Superlativ des Wortes 'Freund' ist. Dies
                    bleibt mir unerklärlich.
                                                           Friedrich Nietzsche

Als Gott am sechsten Schöpfungstage alles ansah, was er gemacht hatte, war zwar alles gut, aber dafür war auch die Familie noch nicht da. Der verfrühte Optimismus rächte sich, und die Sehnsucht des Menschengeschlechtes nach dem Paradiese ist hauptsächlich als der glühende Wunsch aufzufassen, einmal, nur ein einziges Mal friedlich ohne Familie dahinleben zu dürfen. Was ist die Familie?
Die Familie (familia domestica communis, die gemeine Hausfamilie) kommt in Mitteleuropa wild vor und verharrt gewöhnlich in diesem Zustande. Sie besteht aus einer Ansammlung vieler Menschen verschiedenen Geschlechts, die ihre Hauptaufgabe darin erblicken, ihre Nasen in deine Angelegenheiten zu stecken. Wenn die Familie größeren Umfang erreicht hat, nennt man sie 'Verwandtschaft' (siehe im Wörterbuch unter M). Die Familie erscheint meist zu scheußlichen Klumpen geballt und würde bei Aufständen dauernd Gefahr laufen, erschossen zu werden, weil sie grundsätzlich nicht auseinandergeht. Die Familie ist sich in der Regel heftig zum Ekel. Die Familienzugehörigkeit befördert einen Krankheitskeim, der weit verbreitet ist: alle Mitglieder der Innung nehmen dauernd übel. Jene Tante, die auf dem berühmten Sofa saß, ist eine Geschichtsfälschung: denn erstens sitzt eine Tante niemals allein, und zweitens nimmt sie immer übel - nicht nur auf dem Sofa: im Sitzen, im Stehen, im Liegen und auf der Untergrundbahn.
Die Familie weiß voneinander alles: wann Karlchen die Masern gehabt hat, wie Inge mit ihrem Schneider zufrieden ist, wann Erna den Elektrotechniker heiraten wird, und daß Jenny nach der letzten Auseinandersetzung nun endgültig mit ihrem Mann zusammenbleiben wird. Derartige Nachrichten pflanzen sich vormittags zwischen elf und eins durch das wehrlose Telefon fort. Die Familie weiß alles, mißbilligt es aber grundsätzlich. Andere wilde Indianerstämme leben entweder auf den Kriegsfüßen oder rauchen eine Friedenszigarre: die Familie kann gleichzeitig beides.
Die Familie ist sehr exklusiv. Was der jüngste Neffe in seinen freien Stunden treibt, ist ihr bekannt, aber wehe, wenn es dem jungen Mann einfiele, eine Fremde zu heiraten! Zwanzig Lorgnons richten sich auf das arme Opfer, vierzig Augen kneifen sich musternd zusammen, zwanzig Nasen schnuppern mißtrauisch: »Wer ist das? Ist sie der hohen Ehre teilhaftig?« Auf der anderen Seite ist das ebenso. In diesen Fällen sind gewöhnlich beide Parteien davon durchdrungen, tief unter ihr Niveau hinuntergestiegen zu sein.
Hat die Familie aber den Fremdling erst einmal in ihren Schoß aufgenommen, dann legt sich die große Hand der Sippe auch auf diesen Scheitel. Auch das neue Mitglied muß auf dem Altar der Verwandtschaft opfern; kein Feiertag, der nicht der Familie gehört! Alle fluchen, keiner tuts gern - aber Gnade Gott, wenn einer fehlte! Und seufzend beugt sich alles unter das bittere Joch . . .
Dabei führt das 'gesellige Beisammensein' der Familie meistens zu einem Krach. In ihren Umgangsformen herrscht jener sauersüße Ton vor, der am besten mit einer Sommernachmittagsstimmung kurz nach einem Gewitter zu vergleichen ist. Was aber die Gemütlichkeit nicht hindert. Die seligen Herrnfelds stellten einmal in einem ihrer Stücke eine Szene dar, in der die entsetzlich zerklüftete Familie eine Hochzeitsfeierlichkeit abzog, und nachdem sich alle die Köpfe zerschlagen hatten, stand ein prominentes Mitglied der Familie auf und sagte im lieblichsten Ton der Welt: »Wir kommen jetzt zu dem Tafellied -!« Sie kommen immer zum Tafellied.
Schon in der großen Soziologie Georg Simmels ist zu lesen, daß keiner so wehtun könne, wie das engere Kastenmitglied, weil das genau um die empfindlichsten Stellen des Opfers wisse. Man kennt sich eben zu gut, um sich herzinniglich zu lieben, und nicht gut genug, um noch aneinander Gefallen zu finden.
Man ist sich sehr nah. Nie würde es ein fremder Mensch wagen, dir so nah auf den Leib zu rücken, wie die Kusine deiner Schwägerin, a conto der Verwandtschaft, Nannten die alten Griechen ihre Verwandten die 'Allerliebsten'? Die ganze junge Welt von heute nennt sie anders. Und leidet unter der Familie. Und gründet später selbst eine und wird dann grade so.
Es gibt kein Familienmitglied, das ein anderes Familienmitglied jemals ernst nimmt. Hätte Goethe eine alte Tante gehabt, sie wäre sicherlich nach Weimar gekommen, um zu sehen, was der Junge macht, hätte ihrem Pompadour etwas Cachou entnommen und wäre schließlich durch und durch beleidigt wieder abgefahren. Goethe hat aber solche Tanten nicht gehabt, sondern seine Ruhe - und auf diese Weise ist der 'Faust' entstanden. Die Tante hätte ihn übertrieben gefunden.
Zu Geburtstagen empfiehlt es sich, der Familie etwas zu schenken. Viel Zweck hat das übrigens nicht; sie tauscht regelmäßig alles wieder um.
Irgendeine Möglichkeit, sich der Familie zu entziehen, gibt es nicht. Mein alter Freund Theobald Tiger singt zwar:
                    Fang nie was mit Verwandtschaft an -
                    denn das geht schief,
                    denn das geht schief!
aber diese Verse sind nur einer stupenden Lebensunkenntnis entsprungen. Man fängt ja gar nichts mit der Verwandtschaft an - die Verwandtschaft besorgt das ganz allein.
Und wenn die ganze Welt zugrunde geht, so steht zu befürchten, daß dir im Jenseits ein holder Engel entgegenkommt, leise seinen Palmenwedel schwingt und spricht: »Sagen Sie mal - sind wir nicht miteinander verwandt -?« Und eilends, erschreckt und im innersten Herzen gebrochen, enteilst du. Zur Hölle.
Das hilft dir aber gar nichts. Denn da sitzen alle, alle die andern.

Peter Panter, Die Weltbühne, 12.01.1923, Nr. 2, S. 53 (c) Rowohlt Verlag

Aufgelesen von Ulrich um 12:42
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2.1.03
Nachlieferung. Zum Januar-Kalenderblatt mit alten Bildern aus Norden in Ostfriesland, das gestern hier vorgestellt wurde, gibt es jetzt einen Text. Im Rahmen der Vernetzung der eigenen Seiten allerdings nicht da, wo der Kalender liegt, sondern bei den STIPvisiten, die ja für Reiseberichte und Artverwandtes gedacht sind.

Aufgelesen von Ulrich um 23:31
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Nachahmenswert. Da Eigenlob bekanntlich stinkt, freut sich der Mensch doch über das Lob anderer. Auch wenn der Mann in Dresden wohnt und wir uns sogar einmal schon gesehen haben – der Text ist nicht bestellt. Also bedanke ich mich artig und gelobe, fleißig zu bleiben ;-)

Aufgelesen von Ulrich um 23:30
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Nachtrag. Neujahrswunsch vor dem Brandenburger Tor, gesendet im ZDF: "Frieden und 'nen neuen Fernseher." Das Mädel war blond [sonst habe ich keine kaum Vorurteile ;o)].

Aufgelesen von Ulrich um 23:30
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Der Klager (II)
Ein Mensch, mit keinem Grund zur Klage
als dem der allgemeinen Lage,
klagt trotzdem und auf jeden Fall,
klagt herzlich, laut und überall,
dass jedermann sich überzeugt,
wie tief ihn Not und Sorge beugt.

Wenn er sich nämlich unterfinge,
zu sagen, dass es gut ihm ginge,
so ginge es ihm nicht mehr gut:
Der Neid, der rasche Arbeit tut,
hätt` ihn vielleicht schon über Nacht
um all sein Gutergehn gebracht.
  
Drum hat der Mensch im Grunde recht,
der gleich erklärt, ihm ging es schlecht. 
                                         Eugen Roth


Aufgelesen von Ulrich um 11:24
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Der Klager (I) Der Mann kann klagen: Jürgen Drews verlor viel Geld mit einem geschlossenen Immobilienfonds. Wir lesen es und freuen uns, dass es für raffgierige Steuerhinterziehersparer offensichtlich doch so etwas wie eine heimliche Gerechtigkeit gibt.

Aufgelesen von Ulrich um 11:23
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1.1.03
Konfuzius sprach: "Selbst wenn jetzt ein Weiser an die Macht kommt, wuerde es immer noch eine Generation dauern, bis sein guter Einfluss sich bemerkbar macht." [via bambushain.de]

Aufgelesen von Ulrich um 15:25
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Kalender 2003: Januar Das Januarbild unseres Kalenders mit Bildern aus Norden und der ostfriesischen Umgebung zeigt einen der für die Gegend typischen Bauernhöfe. Der komplette Kalender liegt hier.
Bauernhof in der Westermarsch
Kalender 2003 – Januar. Ein Kalender von UVS

Aufgelesen von Ulrich um 15:16
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Skating Away Die Worte zum neuen Jahr singen Jethro Tull:

Skating Away on the Thin Ice of the New Day

Meanwhile back in the year One --- when you belonged to no-one ---
you didn't stand a chance son, if your pants were undone.
`Cause you were bred for humanity and sold to society ---
one day you'll wake up in the Present Day ---
a million generations removed from expectations
of being who you really want to be.

Skating away ---
skating away ---
skating away on the thin ice of the New Day.

So as you push off from the shore,
won't you turn your head once more --- and make your peace with everyone?
For those who choose to stay,
will live just one more day ---
to do the things they should have done.
And as you cross the wilderness, spinning in your emptiness:
you feel you have to pray.
Looking for a sign
that the Universal Mind (!) has written you into the Passion Play.

Skating away on the thin ice of the New Day.

And as you cross the circle line, the ice-wall creaks behind ---
you're a rabbit on the run.
And the silver splinters fly in the corner of your eye ---
shining in the setting sun.
Well, do you ever get the feeling that the story's
too damn real and in the present tense?
Or that everybody's on the stage, and it seems like
you're the only person sitting in the audience?

Skating away on the thin ice of the New Day.

Und dazu auf dem not so thin ice of the old year:
Dedea und Marike, Mittelteich Moritzburg. Bild: UVS
Schlittschuhlaufen auf dem Moritzburger Mittelteich. Aufgenommen am 26.12.2002. Bild: UVS

Aufgelesen von Ulrich um 15:07
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31.12.02
Same procedure... Hätte ich doch fast vergessen: Dinner for one, heute als flotter Dreier: Zuerst (NDR III) auf platt, aufgenommen 1999 in der Fritz Reuter Bühne am Mecklenburgischen Staatstheater Schwerin, dann in der in Hollywood nachkolorierten Version (hatte der NDR als besondere Überraschung zum Jahrtausendwechsel gemacht) und schließlich den Klassiker, original schwarzweiß. Und der ist der beste. Für die Jungen unter den Auflesern: Der Text von Dinner For One steht hier. Die Alten kennen ihn ja eh auswendig. Zum Nachlesen dann noch ein wenig Rezepzionsgeschichte: In der Beilage unserer Lieblingszeitung lässt sich Stefan Mayr, der Autor des Lexikons "Dinner for One von A-Z" über interessante Details aus.

Aufgelesen von Ulrich um 16:11
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"Guten Rutsch!" sagte der Mann beim Sandstreuen dem Vorübereilenden. Der drehte sich um, doch statt den Gruß freundlich zu erwidern, fiel er lang hin.
Es ist glatt in Dresden am letzten Tag des Jahres, fünf Zentimeter Neuschnee über Nacht.
DESWEGEN: GUTEN RUTSCH – ABER NUR INS NEUE JAHR!


Aufgelesen von Ulrich um 13:58
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Kalender 2003. "Hoch im Norden bin ich geboren!" sang Udo Lindenberg. Und er hat Recht! Es gibt jedoch nicht nur die Himmelsrichtung Norden, sondern auch eine Stadt, die so heißt. Und da bin ich von weg!
In einem alten Fotoalbum meines Vaters fand ich Bilder aus dem alten Norden und der Küstenstadt Norddeich – und die schenke ich, zum Kalender 2003 verarbeitet, nun allen Leserinnen und Lesern von "Aufgelesen" und den "STIPvisiten". Heute hier: Das Titelbild. Es zeigt einen Segler vor der Küste von Norddeich. Der komplette Kalender liegt hier.
 Segler vor der Küste von Norddeich
Kalender 2003 – Titelbild. Ein Kalender von UVS

Aufgelesen von Ulrich um 13:51
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Tante Emma und die Welt. Als es noch die Kolonialwarenläden gab, in denen Tante Emma oder Oma Frahm Tee aus Dosen und Süßigkeiten aus Blechbüchsen verkauften, fanden die Käuferinnen und Kinder (Männer gingen damals nicht einkaufen) oft Sammelbilder bei den diversen Produkten wie „Liebigs Fleischextrakt“, Zigaretten oder Drogerieartikeln. Über das zu Bildern geronnene Weltgedächtnis berichtet die Süddeutsche: "Knapp 7000 Bilder in 1138 Serien umfasst der Gesamtbestand, der als Band 1 des „Atlas des Historischen Bildwissens“ erschienen ist, eine CD-Rom-Edition des Max-Planck-Instituts für Geschichte, herausgegeben von Bernhard Jussen (The Yorck Project. Gesellschaft für Bildarchivierung mbH, Berlin 2002 , 39,90 Euro)."

Aufgelesen von Ulrich um 13:50
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30.12.02
Wort des Jahres. Die offizielle Entscheidung der Gesellschaft für Deutsche Sprache zum Wort des Jahres (Teuro) ist langweilig und uninspiriert. Tägliches Zuhören bei jungen und alten Menschen beiderlei Geschlechts ergeben nämlich eine ganz andere Liste.
Das Wort des Jahres ist so, gefolgt von absolut und gefühlt.
Begründung zum Wort des Jahres: Ja, einfach mal die Lauscher aufstellen und hören, dass die Straßen bei einbrechendem Blitzeis (auch so ein Kandidat: Heute ist alles, was friert, Blitzeis. Und wenn der überregional zu recht unbekannte Emmerbach voll läuft, weil es regnet, gibt es im Radio landesweit eine Hochwassermeldung für den Emmerbach bei Amelsbüren) – so, nun ist der Satzanfang verloren, weswegen ich nochmal starte, aber das Gesagte war ja > so < wichtig!
Die Straßen sind bei einbrechendem Blitzeis zu Weihnachten ja > so < glatt gewesen! Und dann sind wir dennoch irgendwie zur Oma gefahren, und da war es > so < gemütlich! Da kamen dann auch die Nachbarn mit der kleinen Claudia, die ist ja > so < niedlich!
Ich merke gerade: Dies ist leider kein Radio, denn beim Wort des Jahres ist die Intonation ja > so < wichtig!
Habe ich da recht?
Absolut!
Ich kann mich natürlich auch irren, und es ist nur eine gefühlte Häufung des kleinen Wörtchens. Dass ich auch immer > so < übertreiben muss...

Aufgelesen von Ulrich um 16:08
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Preuße mit Haltung. Teil IV der SZ-Serie über Vorbilder des Journalismus porträtiert Sebastian Haffner und nennt ihn einen Deuter der Zeit.

Aufgelesen von Ulrich um 15:45
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Anna, Ilse und Bin Laden. Ist vom Wetter die Rede oder vom Terror? Julia Encke glaubt, dass Terror- und Wetterwarnungen die selbe Sprache sprechen und zieht von Sturm-Anna über Regen-Ilse einen weiten Bogen zum Terror und verheißt nichts Gutes: Das Gröbste kommt noch!

Aufgelesen von Ulrich um 15:43
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Lesestoff zur richtigen Zeit. Weihnachtszeit ist Lesezeit, und zwischen den Jahren darf es mal wieder Shakespeare sein – und zwar im Original, denn die Twelfth Night hat bei der Übersetzung historischen Kontext lassen müssen, denn What is the “twelfth night” of this play’s title? Es war die Zeit "of general revelry and mild mayhem, a time when social and sexual mores could be freely flouted. Whether this play was written for performance at just such a Christmas season festival, or whether Shakespeare intended into to have a winter-time setting at all, are matters of scholarly debate. What is more certain, and more important, is that this play draws its inspiration from this tradition, dating from medieval times, of temporary sexual freedom and social release." Man sollte es den Schüler(inne)n verraten, damit sie den Lehrer(inne)n die richtigen Fragen stellen können...

Aufgelesen von Ulrich um 15:38
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Da biste platt. "As de Computer unnereenanner dat snacken anfungen, mussen se sick ok biin Namen nennen könn. Vun weegen welke mit wen snacken wull. Leider güng dat nich mit "Ick kiek di an. Ich drink di too". Daarmit nu nich allns dörcheenannergung, hebbt sick de Lüüd glieks överlecht, dat jeden een Computer siin eegen Namen hebben mutt." Schreibt Werner Kruse auf dem (Kieler) Landesbildungsserver. Seine Erklärungen zu den Themen Chatten, TCP/IP Protokoll, IP-Adressierung, Webadressen und HTML-Dokumente habe ich sofort ausgedruckt und meinem Vater geschickt...
Gefunden hat den Link übrigens das Kellerkind, das täglich wunderbar seriöses Zeugs findet und der restlichen Welt verrät, wo man es sich selbst antun kann: Danke, Ann(e)ke!

Aufgelesen von Ulrich um 15:37
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Zeitlich im Nichts. Die Zeit zwischen den Jahren ist das Vakuum zwischen dem Abmatten nach des einen Jahres Arbeit und dem Aufraffen zu Aktivitäten im nächsten Jahr. Eigentlich ein merkwürdiger Begriff: Zwischen den Jahren. Angeblich kommt er aus dem Kalender-Tohuwabohu, das nach der 1582 von Papst Gregor VIII. initiierten Kalenderreform durch das Nebeneinander zweier konkurrierender Systeme zwar schon den ersten Januar als Jahresanfang kannte – aber die einen hatten den eben reformbedingt eher als die Anderen. Und so lebten evangelische und katholische Christen vor allem in Süddeutschland mehr als 100 Jahre lang nicht nur zwischen Baum und Borke, sondern in der Nachweihnachtszeit auch wirklich zwischen den Jahren.
Mehr über Kalender-Wirrwarr hat Herbert Metz auf einer informativen Seite zusammengetragen (von dort auch zahlreiche weiter führende Links) – und wer sich gerne intuitiv durchs Netz klickt, findet natürlich auch bei der freien Enzyklopädie Wikipedia reichlich Lesestoff.

Aufgelesen von Ulrich um 10:22
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Sonderbar. Neulich in der SonderBar in Begleitung zweier netter junger Damen. Hier die denkwürdige Getränkefolge:
1) Latin Lover
2) Sex on the Beach
3) Orgasm
Da fragt man sich doch, als Vater und über alle Experimente erhabener Caipirinha-Trinker, ob man irgend etwa falsch gemacht hat.

Aufgelesen von Ulrich um 10:21
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24.12.02
Schafft Weihnachten ab! Das Weihnachtsfest bildet einen festen Punkt im Jahresablauf der Unruhe unseres Lebens. Das Fest, das traditionell am späten Nachmittag des 24. Dezember beginnt, erlebt in der Mittags- und Nachmittagszeit des 25. seinen Höhepunkt. Es dauert dann noch bis zum 26. an, aber da weiß kaum noch einer, wie ihm weihnachtlich zumute sein soll. Brauchen wir Weihnachten wirklich? Oder sollten wir den Stressmacher Nummer eins einfach abschaffen? Die folgenden Schilderungen können doch nur zu einem Schluss führen: Schafft Weihnachten ab!
Die Vorboten dieses Festes, das früher einmal christlichen Ursprungs war, erlebt man neuerdings schon im August. Dann stellen die Kaufleute die ersten Stollen in die Läden, drapieren Pfefferkuchen drum herum und wundern sich, dass die Menschheit lieber baden geht als sich die Insignien des Winters ins Heim zu holen. Wer es dennoch tut, ist verraten und verkauft: Der Stollen stammt in der Regel aus anonymer Fabrikproduktion und wird entweder schnell trocken oder war es schon immer: Bäcker, die zum Beispiel in Dresden etwas auf sich halten, fangen erst im Herbst an zu backen, lassen das Backwerk ruhen. Zum ersten Advent kann man den ersten Stollen dann anschneiden.
Die im August beginnende Vorweihnachtszeit ist geprägt durch eine gewisse Endzeitstimmung. Die Menschheit verfällt kollektiv in die Wahnvorstellung, dass die Welt nach dem Höhepunkt der Weihnacht untergeht. Deswegen haben Buchhalter und Controller den sogenannten Kassenschluss erfunden. Bei staatlichen Organisationen rückt der jedes Jahr ein wenig mehr Richtung August, derzeit ist die "Alle-Rechnungen-müssen-bei-uns-sein-und-ob-ihr-danach-noch-arbeitet-ist-mir-doch-egal"-Linie rund um den 5. Dezember zu finden. Dem staatlichen Vorbild folgend erfinden Firmen aller Rechtsformen das Geschäftsjahr mit ähnlichen Gebräuchen.
Früher Kassenschluss und späte Feststellung, dass nach allen Unkenrufen nun doch irgendwo "noch Geld da" sei und möglichst ausgegeben werden müsse, weil es sonst "verfalle", führt bei weniger straff organisierten Unternehmen zu einer plötzlichen Aufragsflut, die zwar abseh-, aber nicht abwendbar ist. Der Kassenschluss ist mitnichten der Zeitpunkt zur Abgabe der Arbeit, es reicht wenn zum Fest alles wirklich fertig ist. Mit der Rechnung kann ja irgendetwas eingereicht werden, was dem gewünschten nahe kommt und der Rechnung beigelegt werden kann. Bis dann gezahlt ist, wird das richtige Produkt schon so weit sein (es darf nur keiner zwischendurch verschwinden).
Die Eiligen vom Advent haben jedoch nicht nur wegen Restgeldbeständen in Budgets so viel zu tun, denn in den letzten Tagen vor Weihnachten müssen alle Firmen, Abteilungen, Gruppierungen, Teams, Kollektive sich ganz dringend zu einer Weihnachtsfeier treffen. Diese Veranstaltungsreihe zur Förderung des Umsatzes in der Gastronomie ist immer sehr lustig und hat in der Regel zwei Höhepunkte: Der eine ist die Verlesung von Gedichten und Geschichten, die immer sehr lustig sind. Der andere ist das so genannte "Wichteln", bei der alle inständig beten, nicht das selbst eingebrachte Geschenk im Wert von bis zu 5 Euro zu erhalten.
Nach der Weihnachtsfeier sind die Nachbesprechungen in morgendlichen Kafferunden schon deswegen nicht mehr das, was sie vorher einmal waren, weil immer wieder jemand Anlass zur Verärgerung gab. Das nun aufkommende Problem ist: Wie reden wir drüber, so dass er (sie) es nicht mitbekommt? Die Lösung dieser stressigen Frage verkürzt im Dezember zwar manchen Arbeitstag auf angenehmste Weise, führt aber auch nicht gerade zur ruhigen und besinnlichen Vorweihnachtszeit.
Nun könnte ja nach Feierabend oder an den freien Wochenenden vor dem Weihnachtsfest stimmungsvolle adventliche Ruhe einkehren. Tut es aber nicht. Wir müssen nämlich einkaufen, und zwar Geschenke für Eltern, Kinder, Geschwister, Freunde und Kollegen. Nur: Die haben doch alle schon alles! Wie viele Menschen schwärmen aus, Gutes zu tun – und tun es nur sich selbst, indem sie bei der angestrengten Suche nach dem Frust des Nichtfindens sich eine chicke Handtasche, ein paar Schuhe (die Frauen) sowie eine niedliche kleine Digitalkamera oder den tollen kleinen MP3-Spieler (die Männer) gönnen. Dank dieser Konstellation leben sowohl die Lederwaren- wie die Männerspielzeugindustrie – und durch spontane Geschenkbesorgungen in Sockengeschäften, Krawattenläden und Parfümerien kommt es letztendlich doch noch zu Freude allerorten.
Da das Schenken so anstrengend ist, wälzen wir uns zur Erholung über den Weihnachtsmarkt. Glücklicherweise gibt es davon in jeder mittelgroßen Stadt mittlerweile so viele, dass keine Langeweile aufkommt, und der jährliche für Bürger über 18 verpflichtende Glühweintest erledigt dann den Rest.
Die Geschenke, vom Einpackservice individuell drapiert, liegen nach Empfängern getrennt in Tüten im Schlafzimmerschrank – doch Ruhe mag nicht einkehren. Wir müssen nämlich noch für die Festtage einkaufen. Halb Deutschland scheint Heiligabend Bockwürste zu essen, die andere Hälfte Frankfurter. Wer sich in diesen beiden Hälften nicht wiederfindet, ist kein Deutscher und darf am ersten Weihnachtsfeiertag zur Nachprüfung. Da darf es dann gerne eine Gans sein, vornehmlich mit Rotkohl (andernorts: Rotkraut) und Knödeln serviert. Es gibt auch weniger schmackhafte Varianten, aber wer damit ankommt, fällt durch.
Der Einkauf dauert zwei Stunden ohne Fahrzeit, die nochmals mit drei Stunden zu Buche steht. Die Summe in Euro ist zu hoch, und zu Hause stellt man fest, dass eine wesentliche Zutat vergessen wurde. Der Kühlschrank allerdings fasst die Zutaten sowieso nicht, weswegen das Schlafzimmer als kältester Raum zur Speisekammer umfunktioniert wird und Vatter morgens schlaftrunken über die Gans stolpert und in die Sahnetöpfchen tritt.
Einen Höhepunkt bei der Vorbereitung des Festes erleben wir zweifelsohne am 24. Dezember. Der Baum muss geschmückt werden. Dazu wird das teure Stück, das bis zu diesem Moment im klassisch eng anliegenden Netzkleid eine Nebenrolle spielte, zum Hauptakteur. Ein gekonnter Schnitt – und mit einem Schlag offenbar sich das ganze Elend: Unten herum am Stamm zu dick ("wie soll das denn bitte in den Ständer passen?"), in der Mitte vorne ausladend und hinten etwas schwach auf der Brust, wenn dieses schiefe Bild einmal gestattet sei. Ein typisch partnerschaftlicher Disput an dieser Stelle lässt die wahre Vorfreude aufs Fest aufkommen, die nur noch durch die Lösung der Frage vergrößert werden kann, welche Farbe die Kugeln dieses Jahr haben sollen ("Lila? Nicht mit mir, das sage ich dir: Nicht mit mir!").
Den Rest des Tages kann man nicht besser beschreiben als mit "Warten aufs Christkind". Fernsehen, Kaffee trinken, in die Kirche gehen – wobei der Besuch im Gotteshaus vielleicht bei der Lösung der Frage hilft, was denn eigentlich am 24. 12. gefeiert wird? Die entsprechenden Antworten einer TV-Umfrage ("Adam und Eva sind da geboren" oder, schon besser: "Jesus!" – allerdings mit der Nachfrage "wann?" und der Antwort "Na, so 1902!") lassen allerdings vermuten, dass die vielen Kirchgänger nicht wirklich wissen, was sie da tun.
Am Abend, der ja eigentlich der "Heilige" ist, gibt's die erwähnten Würste und fast immer ein schlechtes Fernsehprogramm, was aber dennoch angesehen wird.
Der 25. Dezember ist Gänsebratentag mit Familienaustauschprogrammen. Der Gänsebraten regt wie jedes Jahr zur Diskussion an, ob der Vogel kross genug gebraten sei und auch genug Fleisch habe. Einigkeit wird dabei selten erzielt, wobei im Sinne des Familienfriedens auch die Variante denkbar ist, sich zu einigen auf das Argument, dass diese ausländische Tiefkühlware einfach nicht vergleichbar ist mit den frischen Gänsen von Bauer Horst.
Am Nachmittag kommen Oma und Opa, Schwager Bernd mit Schwester Gabi und den beiden dreijährigen Zwillingen. Der Nachmittag hat zwei Chancen: Er kann sich gut entwickeln zum Naschmittag mit Keksen, Kuchen, Stollen, Pralinen und, weil das ja sonst kein Mensch aushält und allein verdaut, einem Cognac. Wenn es so läuft, ist es ein netter Nachmittag. Andererseits besteht aber auch eine große Chance, dass die Kinder plärren, Bernd sich mit der Schwiegermama in die Haare bekommt und diese leidige lila-Weihnachtskugel-Frage im Zusammenhang mit dem krüppeligen Weihnachtsbaum noch einmal thematisiert werden.
Die Schneefallwahrscheinlichkeit zu Weihnachten beträgt zehn Prozent – die Familiendisharmoniewahrscheinlichkeit eher neunzig. Es spricht allerdings für das kumulative schauspielerische Geschick der Menschen draußen im Lande, dass sie sich mit den Worten verabschieden, wie nett es mal wieder gewesen sei und man doch im nächsten Jahr so ein tolles Familienfest baldmöglichst wiederholen sollte.
Oder besser so nicht?


Aufgelesen von Ulrich um 14:52
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London bei Nebel. Eine nette Idee hatte Stefan Klein: Er fuhr, angeregt durch den Roman "Tunnel Vision" (deutsch: "Auf ganzer Linie") von Keith Lowe durchs U-Bahn-Netz Londons. Das Ziel: Alle Stationen an einem Tag einmal anzufahren. Ob er's geschafft hat? Steht am Ende des Artikels. Auf jeden Fall werde ich mir die Idee für den nächsten London-Besuch vormerken - nie war der Spruch "Der Weg ist das Ziel" dann wahrer!

Aufgelesen von Ulrich um 14:44
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Werner Höfer ist jetzt eine Frau... und andere Erkenntnisse über Talkshows serviert uns meine Lieblingszeitung in einem besinnlichen Gespräch zwischen Willi Winkler und Harald Schmidt. Aus der Serie über 50 Jahre Fernsehen. Und da wir gerade auf der Medienseite sind: Die schönste Zeile des Tages steht auch da, unter einem Bild sowie in einem Beitrag von Hans Hoff: "Violinist Rieu: Klang gewordene Streichwurst."

Aufgelesen von Ulrich um 14:44
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23.12.02
Aufmacher SJ. Wie schön, dass auch die Schreiber über vorzügliche Schreiber gut schreiben können: Michael Jürgs über den Scharfschützen des Wortes, Siegfried Jacobson - Teil drei der Serie über Vorbilder des Journalismus.

Aufgelesen von Ulrich um 13:51
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Thema Nummer eins. Es geht also ums Essen. Die Süddeutsche präsentiert Filetstücke für das Weihnachtsfest und lässt den Drei-Sterne-Koch Harald Wohlfahrt von der Schwarzwaldstube (Deutschlands bestem Restaurant) gegen den VW-F&E-Betriebsrestaurantchef Karsten Quitteck antreten, Menüs für unter zehn Euro pro Person zu kreieren. Naja, und wo wir dabei sind, gleich ein wenig schamlose Eigenwerbung: Im hauseigenen Advenskalender geht's heute auch ums Essen...

Aufgelesen von Ulrich um 13:50
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22.12.02
Bild am Sonntag. Sonnenaufgang im Bahratal. Der ansonsten eher etwas verschlafene Grenzübergang nach Tschechien war nach der Flut in Dresden der einzige in der Nähe der Landeshauptstadt, der für PKW und Fußgänger noch offen war. Schade, dass ihn nun so viele kennen, war sonst immer ein Geheimtipp ;-)
Sonnenaufgang im Bahratal. Bild: UVS
Sonnenaufgang im Bahratal. Aufgenommen am 30.9.2002, 7:35 Uhr Bild: UVS

Aufgelesen von Ulrich um 12:12
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20.12.02
Ratespiel: Wer betreibt Heiligendamm? Immobilienteile der Zeitungen werden gerne, damit sich auch andere als Spekulateure und Anleger dorthin verirren, mit redaktionellen Beiträgen begonnen. Die Süddeutsche schreibt über Heiligendamm ("Schon fast eine Punktlandung"), das eigentlich zum Jahreswechsel eröffent werden sollte. nun wird es wohl Frühjahr, was der Projektleiter so normal findet, dass er von der in der Überschrift zitierten Punktlandung spricht. Es werden in dem Beitrag auch viele Hotelbetreiber genannt - nur nicht der, der Heiligendamm in Schwung bringen soll: Es ist Kempinski – aber von deren Seite kommt man ja auch nicht ohne Weiteres hier hin (weil Heiligendamm noch kein Hotel, sondern ein Projekt ist...)!
[Update] Es ist doch ein Hotel, auch auf der Website - ich bin nur im Alphabet nicht fit und hatte es nicht gefunden ;o) Gut, dass meine LeserInnen lesen können und alles kritisch prüfen!

Aufgelesen von Ulrich um 16:03
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Fernsehgeschichte. Jugenderinnerungen werden wach - dass es so weit einmal kommen könnte! Und wer erinnert? Hans Hoff bei Folge 2 der SZ-Serie 50 Jahre Fernsehen. Diesmal geht's um Unterhaltungssendungen wie EWG, Der goldene Schuß oder Vergißmeinnicht (letztere aus der Zeit, wo die Postleitzahlen im Westen noch vierstellig waren...)

Aufgelesen von Ulrich um 15:51
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Radiotipp. Unsere Lieblingszeitung weist darauf hin, dass im Deutschlandradio Berlin um 19.05 Uhr eine hörenswerte Sendung – na was wohl? richtig: zu hören ist. "Seifenblasen oder Wie Kurt Tucholsky ein Drehbuch schrieb".

Aufgelesen von Ulrich um 15:45
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Der Freitags-Tucho. Zum Ferienbeginn eine warnende Geschichte, an der wir wieder einmal sehen können: Die Zeiten ändern sich – aber nicht die Menschen...
Frauen sind eitel. Männer? Nie -!

Das war in Hamburg, wo jede vernünftige Reiseroute aufzuhören hat, weil es die schönste Stadt Deutschlands ist - und es war vor dem dreiteiligen Spiegel. Der Spiegel stand in einem Hotel, das Hotel stand vor der Alster, der Mann stand vor dem Spiegel. Die Morgen-Uhr zeigte genau fünf Minuten vor einhalb zehn.
Der Mann war nur mit seinem Selbstbewußtsein bekleidet, und es war jenes Stadium eines Ferientages, wo man sich mit geradezu wollüstiger Langsamkeit anzieht, trödelt, Sachen im Zimmer umherschleppt, tausend überflüssige Dinge aus dem Koffer holt, sie wieder hineinpackt, Taschentücher zählt und sich überhaupt benimmt wie ein mittlerer Irrer: es ist ein geschäftiges Nichtstun, und dazu sind ja die Ferien auch da. Der Mann stand vor dem Spiegel.
Männer sind nicht eitel. Frauen sind es. Alle Frauen sind eitel. Dieser Mann stand vor dem Spiegel, weil der dreiteilig war und weil der Mann zu Hause keinen solchen besaß. Nun sah er sich, Antinous mit dem Hängebauch, im dreiteiligen Spiegel und bemühte sich, sein Profil so kritisch anzusehen, wie seine egoistische Verliebtheit das zuließ . . . eigentlich . . . und nun richtete er sich ein wenig auf - eigentlich sah er doch sehr gut im Spiegel aus, wie -? Er strich sich mit gekreuzten Armen über die Haut, wie es die tun, die in ein Bad steigen wollen . . . und bei dieser Betätigung sah sein linkes Auge ganz zufällig durch die dünne Gardine zum Fenster hinaus. Da stand etwas.
Es war eine enge Seitenstraße, und gegenüber, in gleicher Etagenhöhe, stand an einem Fenster eine Frau, eine ältere Frau, schiens, die hatte die drübige Gardine leicht zur Seite gerafft, den Arm hatte sie auf in kleines Podest gelehnt, und sie stierte, starrte, glotzte, äugte gerade auf des Mannes gespiegelten auch. Allmächtiger. Der erste Impuls hieß den Mann vom Spiegel zurücktreten, in die schützende Weite des Zimmers, gegen Sicht gedeckt. So ein Frauenzimmer. Aber es war doch eine Art Kompliment, das war unleugbar; denn wenn jene auch dergleichen vielleicht immer zu tun pflegte - es war eine Schmeichelei. »An die Schönheit.« Unleugbar war das so. Der Mann wagte sich drei Schritt vor.
Wahrhaftig: da stand sie noch immer und äugte und starrte. Nun - man ist auf der Welt, um Gutes zu tun . . . und wir können uns doch noch alle Tage sehen lassen - ein erneuter Blick in den Spiegel bestätigte das - heran an den Spiegel, heran ans Fenster!
Nein. Es war zu schéhnierlich . . . der Mann hüpfte davon, wie ein junges Mädchen, eilte ins Badezimmer und rasierte sich mit dem neuen Messer, das glitt sanft über die Haut wie ein nasses Handtuch, es war eine Freude. Abspülen (»Scharf nachwaschen?« fragte er sich selbst und bejahte es), scharf Nachttischen, pudern . . . das dauerte gut und gern seine zehn Minuten. Zurück. Wollen doch spaßeshalber einmal sehen -.
Sie stand wahr und wahrhaftig noch immer da; in genau derselben Stellung wie vorhin stand sie da, die Gardine leicht zur Seite gerafft, den Arm aufgestützt, und sah regungslos herüber. Das war denn doch - also, das wollen wir doch mal sehen.
Der Mann ging nun überhaupt nicht mehr vom Spiegel fort. Er machte sich dort zu schaffen, wie eine Bühnenzofe auf dem Theater: er bürstete sich und legte einen Kamm von der rechten auf die linke Seite
des Tischchens; er schnitt sich die Nägel und trocknete sich ausführlich hinter den Ohren, er sah sich prüfend von der Seite an, von vorn und auch sonst . . . ein schiefer Blick über die Straße: die Frau, die Dame, das Mädchen - sie stand noch immer da.
Der Mann, im Vollgefühl seiner maskulinen Siegerkraft, bewegte sich wie ein Gladiator im Zimmer, er tat so, als sei das Fenster nicht vorhanden, er ignorierte scheinbar ein Publikum, für das er alles tat, was er tat: er schlug ein Rad, und sein ganzer Körper machte fast hörbar: Kikeriki! dann zog er sich, mit leisem Bedauern, an.
Nun war da ein manierlich bekleideter Herr, - die Person stand doch immer noch da! -, er zog die Gardine zurück und öffnete mit leicht vertraulichem Lächeln das Fenster. Und sah hinüber.
Die Frau war gar keine Frau.
Die Frau, vor der er eine halbe Stunde lang seine männliche Nacktheit produziert hatte, war - ein Holzgestell mit einem Mantel darüber, eine Zimmerpalme und ein dunkler Stuhl. So wie man im nächtlichen Wald aus Laubwerk und Ästen Gesichter komponiert, so hatte er eine Zuschauerin gesehen, wo nichts gewesen war als Holz, Stoff und eine Zimmerpalme.
Leicht begossen schloß der Herr Mann das Fenster. Frauen sind eitel. Männer -? Männer sind es nie.

Peter Panter, Vossische Zeitung, 28.09.1928. (c) Rowohlt Verlag


Aufgelesen von Ulrich um 15:41
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17.12.02
Samstag der Vierzehnte. Den Freitag hatte ich gut überstanden, obwohl er auf einen 13. fiel. Für den Samstag gab es eine Verabredung mit Martina – zu einer für beide ungewohnten Zeit: halb neun. Aber wer umzugsbedingt am Vortage des dritten Advent zu IKEA müssen will, um die Küche zu komplettieren, kann gar nicht früh genug auf den Beinen sein.
Ich stand also um kurz nach sieben auf, holte die wegen schwindender Anzeigen nicht mehr ganz so dicke Süddeutsche aus dem Briefkasten, setzte einen 3-Tassen-Kaffee auf und schickte das am Vorabend gekaufte Mohnbrötchen durch den Minibackofen, damit es Frische vorgaukele.
In der Zeitung stand viel drin. Ich amüsierte mich köstlich bei Herbert Riehl-Heyse und seiner Reportage zum Thema 50 Jahre Deutsches Fernsehen, fand Erschreckendes zur Freiheitsberaubung im Internet, lernte kühne Erfinder und getriebene Dilettanten kennen und musste mich wundern, dass es in Detmold ein art kite museum gibt.
Um neun Uhr klingelt das Telefon, und dank moderner Technik im engen Zusammenspiel mit individueller Programmierung stand auf dem Display "Martina". Ich hob ab und sagte begrüßungslos nur einen Satz: "Martina, ich habe dich total vergessen und gemütlich gefrühstückt. Ich komme jetzt sofort!" Martina berichtete mir später im Auto, dass sie dank meines Nichtkommens habe Staub wischen können und dafür sehr dankbar sei.
Der Einkauf fluppte wie nüscht: Keine Schlangen am Küchenteilebestellcomputer und an der Kasse. Es passte sogar alles ins Auto, wir mussten wegen eines halben Zentimeters Kistenüberstand nur zweimal wieder auspacken und alles neu sortieren.
Auch Teil eins des Zusammenbaus in der Mittagszeit ließ keine Wünsche übrig: Alles passte, nichts blieb übrig, nichts fehlte. Um zwei trennten sich unsere Wege, denn es gab andere Termine. Wir verabredeten uns auf den Abend, um bei einem Gläschen Rotwein weiter zu basteln und die Küche ihrer Vollendung näher zu bringen.
Weil es ja Wochenende war, kam ich nicht allein, sondern mit Frau und Rotwein aus dem Weinkeller. Vernünftig wie wir meistens nicht sind, begannen wir den Zusammenbau der Schubladen vor dem Rotweinschwatz. Die erste fügte sich wie aus dem Bilderbuch zusammen, die zweite habe ich verkrüppelt: Falsche Blende! Da hätte die kleine hin gemusst und nicht die große. Was mit einem "Click" wunderbar zusammen geflutscht war, musste nun wieder getrennt werden. Das kommt aber in der Zusammenbaubilderanleitung nicht vor. Also beraumten wir, drei Studierte mit je zwei linken Händen, eine Debattierrunde mit Rotwein an, um diesen nicht vorgesehenen Job zu bewältigen. Es war kurzweilig und klappte nach drei Anläufen sofort. Im großen Tohuwabohu auseinander genommener zweier Schubladen gelang es mir dann, die andere Schublade zusammen zu bauen, und zwar wieder falsch: Da hätte die große Blende hin gepasst, aber nicht die Kleine. Lachend griffen wir zum Wein: Wir wussten ja nun, wie man das alles wieder auseinander friemelt!
Nun aber aufgepasst! Alle Teile des dritten Anlaufs passten zusammen – zumindest laut Anbauanleitung. Aber während es links vorschriftsmäßig "Click!" machte, wollte der Nippel rechts nicht einrasten. Kein Grund auszurasten: Wir wussten ja, wie man das macht: Rotwein nachschenken, ein Schlückchen nehmen und mit dem Schraubenzieher einerseits und etwas Gewackel andererseits die Holzverkleidung aus dem Seitenteil rappeln.
Irgendwie klemmte es, aber wo ein Wille ist und die Erfahrung vorhergehender Versuche, da sollte doch...
...Ich hatte die Schublade in der Hand, ohne das Clickteil. Die Schrauben aus dem Holz gebrochen, der Steckmechanismus fest im Seitenteil verclickt, Wir sahen uns an, mit Blicken zwischen Verzweiflung und Amusement ob der praktischen Veranlagung dreier Geistesgrößen.
Aus den Restbestandteilen des Küchenschubladenbastelsets veruchten wir erneut eine Schublade herzustellen. Wie verhext wollte es auch hier rechts nicht rasten. Wir entfernten sanft (ja ja) links das Geclickte, tauschten rechts Seitenteil und Clicker – Ergebnisse negativ.
"Lass man gut sein, wir gehen das einfach umtauschen!" befand Martina, setzte sich aber hin, um den Mechanismus genauer anzusehen. Das war als ob ich in den Motor meines Autos sehe: Was da warum was macht, bleibt mir immer ein Rätsel. Irgendwann saßen wir alle nicht mehr auf dem Fußboden, sondern am Tisch. Rotwein ohne fertige Küche schmeckt dennoch gut. Wir plauderten in den Sonntag hinein, gähnten Goodbye und verabredeten uns locker für Montag zum Umtausch ("oder schlimmstenfalls Neukauf") bei IKEA.
Montag am Morgen. Das Handy signalisiert eine SMS. Martina schreibt: "Hallo Uli. Du wirst es nicht fassen! Mein Schrank ist aufgebaut mit allem Drum und Dran! Danke Dir schon mal. Liebe Grüße Martina"
Natürlich war es eine gute Freundin, die es am Sonntag geschafft hatte. Sogar die ausgerissenen Schrauben fanden Halt. "Mach Dir nichts draus!" versuchte Martina mich zu trösten – "sie war halt frischer, und es gibt manchmal so Tage, wo nix klappt..."


Aufgelesen von Ulrich um 07:35
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16.12.02
Journalistin, Autorin, Pazifistin. Im zweiten Teil der Serie über bedeutende Journalisten ist eine Frau dran: Bertha von Suttner, "deren Leben als Operette begann und als griechisches Drama endete. Bertha Sophia Felicita Gräfin von Kinsky von Chinc und Tettau wird geboren, als der greise Vater, ein Feldmarschall, gerade verstorben ist. Die Mutter bringt das Erbe in Europas Spielbanken durch. Fünf Mal Pech für die schöne Tochter: Sie hat kein Geld, umstandesgemäß zu leben. Sie gilt nicht als präsentabel vor Wiens Kaiserthron, denn 16 adelige Vorfahren fehlen ihr zu Hoffähigkeit. Zwei Heiratskandidaten laufen davon, einer stirbt vorher. Was soll da noch kommen?"

Aufgelesen von Ulrich um 19:02
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Noch selber gelebt. Artikel von Herbert Riehl-Heyse sind eigentlich immer lesenswert, doch der über 50 Jahre Deutsches Fernsehen gehört in die Abteilung "Ausschneiden, Sammeln!" – zumal sich da wieder eine Serie anbahnt. Kleine Leseprobe für die Jüngeren, die die Zeit aus den Kinderschuhen der Glotze nicht erlebt haben: "Es waren das nämlich die Jahre, in denen die politischen Fernseh-Magazine, inklusive dem ZDF-Magazin des Gerhard Löwenthal, der Nation ihren Gesprächsstoff lieferten; die Jahre auch, in denen mit der Fernseheinrichtung Schillerscher Dramen Kulturgeschichte geschrieben wurde, und in denen die kleinsten Tabubrüche das Publikum genauso verunsicherten wie die Fernsehleute selbst. Als zwei Schwule einander küssten in Wolfgang Petersens Fernsehspiel Die Konsequenz, wandelte der Bayerische Rundfunk kollektiv am Rande des Herzinfarkts; und als sich eine Dame namens Helga Götze live – und heftig für die freie Liebe plädierend – in einer Talkshow ihrer Bluse entledigte, kämpfte halb Deutschland mit seiner Erregung."
Ach ja: Folge 1 der Serie porträtiert Hans Abich, ein Fernsehmacher der ersten Stunde, der nun im Schwarzwald lebt, wo "man nun im Fernsehen sehen kann, wie die Leute vor hundert Jahren gelebt haben. Als Abich jung war, hat man noch selber gelebt."

Aufgelesen von Ulrich um 19:02
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Die Überschrift des Tages liefert die Süddeutsche: Auch ein Papst liebt seine Kinder ist ein lesenswerter Beitrag von Willi Winkler zu einer Ausstellung in Rom über die unheilige Familie der Borgia überschrieben. Vielleicht also doch besser nach Rom als nach Detmold reisen? Oder beides?

Aufgelesen von Ulrich um 19:00
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Kühne Erfinder und getriebene Dilettanten. Im art kite museum in Detmold zeigt eine Ausstellung Pläne und Modelle von Fluggeräten, die nie gebaut wurden. Luftwürmer und andere Hirngespinste betitelt die Süddeutsche die Ankündigung zur Ausstellung, die richtig Lust auf einen Besuch in Detmold macht...

Aufgelesen von Ulrich um 18:59
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Freiheitsberaubung. Die siebte Folge über das Internet in der Süddeutschen beginnt harmlos - durchhalten! Denn im letzten Drittel wird deutlich gesagt, was auf uns zukommt: "Ab Herbst 2003 könnte man vermutlich praktisch alle Festplatten, Hauptplatinen, CD- und DVD- Laufwerke mit dem Mikrochip ausstatten, der jeden Datenfluss auf die digitalen Wasserzeichen hin kontrolliert, die Schlüssel abfragt und bei fehlender Legitimation unterbindet. Dem Etikett „TCPA approved“ auf den Geräten dürfte kaum jemand Beachtung schenken. Erst wenn die TCP-Alliance sich ihres Monopols sicher ist, wird der Schlüsselverwaltungscomputer eingeschaltet und die Nutzung aller Werke ohne die Einzellizensierung unterbunden werden."

Aufgelesen von Ulrich um 18:50
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15.12.02
Bild am Sonntag. Die Geschichte der Gans unter besonderer Berücksichtigung ihrer Beliebtheit zur Advents- und Weihnachtszeit ist das Thema einer bislang noch nicht geschriebenen Dissertation. Reinhard Lämmel, bibliophiler Koch und Gastrosoph, hat im Jahr 2000 auf der Menükarte des damals von ihm betriebenen Restaurants Königliche Schlossküche Weesenstein erklärt, wie es zum Martinsgans-Essen kam – und siehe da, eigentlich ist alles ganz einfach: "Zu dieser Zeit war ja ohnehin Gänsesaison, und dieser Vogel gehörte seit Urzeiten zu den Leckerbissen unserer Vorfahren. Sind Gänse 6 bis 8 Monate alt, hat deren Fleisch den besten Geschmack." Und in seinem Buch "Ein guter Sachs' will genießen – nicht prassen…" verrät er das ultimative Rezept für Gänsefett-Bemmchen
Auf dem Weg in eine gewisse Zukunft. Bild: UVS
Gänse haben zur Adventszeit den besten Geschmack. Diese nicht. Bild: UVS

Aufgelesen von Ulrich um 11:54
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