Radiotipp.Unsere Lieblingszeitung weist darauf hin, dass im Deutschlandradio Berlin um 19.05 Uhr eine hörenswerte Sendung – na was wohl? richtig: zu hören ist. "Seifenblasen oder Wie Kurt Tucholsky ein Drehbuch schrieb".
Journalistin, Autorin, Pazifistin.Im zweiten Teil der Serie über bedeutende Journalisten ist eine Frau dran: Bertha von Suttner, "deren Leben als Operette begann und als griechisches Drama endete. Bertha Sophia Felicita Gräfin von Kinsky von Chinc und Tettau wird geboren, als der greise Vater, ein Feldmarschall, gerade verstorben ist. Die Mutter bringt das Erbe in Europas Spielbanken durch. Fünf Mal Pech für die schöne Tochter: Sie hat kein Geld, umstandesgemäß zu leben. Sie gilt nicht als präsentabel vor Wiens Kaiserthron, denn 16 adelige Vorfahren fehlen ihr zu Hoffähigkeit. Zwei Heiratskandidaten laufen davon, einer stirbt vorher. Was soll da noch kommen?"
Noch selber gelebt.Artikel von Herbert Riehl-Heyse sind eigentlich immer lesenswert, doch der über 50 Jahre Deutsches Fernsehen gehört in die Abteilung "Ausschneiden, Sammeln!" – zumal sich da wieder eine Serie anbahnt. Kleine Leseprobe für die Jüngeren, die die Zeit aus den Kinderschuhen der Glotze nicht erlebt haben: "Es waren das nämlich die Jahre, in denen die politischen Fernseh-Magazine, inklusive dem ZDF-Magazin des Gerhard Löwenthal, der Nation ihren Gesprächsstoff lieferten; die Jahre auch, in denen mit der Fernseheinrichtung Schillerscher Dramen Kulturgeschichte geschrieben wurde, und in denen die kleinsten Tabubrüche das Publikum genauso verunsicherten wie die Fernsehleute selbst. Als zwei Schwule einander küssten in Wolfgang Petersens Fernsehspiel Die Konsequenz, wandelte der Bayerische Rundfunk kollektiv am Rande des Herzinfarkts; und als sich eine Dame namens Helga Götze live – und heftig für die freie Liebe plädierend – in einer Talkshow ihrer Bluse entledigte, kämpfte halb Deutschland mit seiner Erregung."
Ach ja: Folge 1 der Serie porträtiert Hans Abich, ein Fernsehmacher der ersten Stunde, der nun im Schwarzwald lebt, wo "man nun im Fernsehen sehen kann, wie die Leute vor hundert Jahren gelebt haben. Als Abich jung war, hat man noch selber gelebt."
Die Überschrift des Tagesliefert die Süddeutsche: Auch ein Papst liebt seine Kinder ist ein lesenswerter Beitrag von Willi Winkler zu einer Ausstellung in Rom über die unheilige Familie der Borgia überschrieben. Vielleicht also doch besser nach Rom als nach Detmold reisen? Oder beides?
Kühne Erfinder und getriebene Dilettanten.Im art kite museum in Detmold zeigt eine Ausstellung Pläne und Modelle von Fluggeräten, die nie gebaut wurden. Luftwürmer und andere Hirngespinste betitelt die Süddeutsche die Ankündigung zur Ausstellung, die richtig Lust auf einen Besuch in Detmold macht...
Freiheitsberaubung.Die siebte Folge über das Internet in der Süddeutschen beginnt harmlos - durchhalten! Denn im letzten Drittel wird deutlich gesagt, was auf uns zukommt: "Ab Herbst 2003 könnte man vermutlich praktisch alle Festplatten, Hauptplatinen, CD- und DVD- Laufwerke mit dem Mikrochip ausstatten, der jeden Datenfluss auf die digitalen Wasserzeichen hin kontrolliert, die Schlüssel abfragt und bei fehlender Legitimation unterbindet. Dem Etikett „TCPA approved“ auf den Geräten dürfte kaum jemand Beachtung schenken. Erst wenn die TCP-Alliance sich ihres Monopols sicher ist, wird der Schlüsselverwaltungscomputer eingeschaltet und die Nutzung aller Werke ohne die Einzellizensierung unterbunden werden."
Und, was gibt's sonst Neues? Manchmal, aber nur manchmal, möchte ich an der Wissenschaft verzweifeln. Nämlich immer dann, wenn offensichtlich Offfensichtliches heraus kommt. "Hilfe gegen Höhenkrankheit" verheißt Wissenschaft Online - und heraus kommen Banalitäten: "Wer zur Höhenkrankheit neigt, sollte langsam aufsteigen und sich vorher im Gebirge akklimatisieren, dies ist das Ergebnis einer Studie von Forschern des Universitätsklinikums Heidelberg. Unerheblich sind dagegen bei bergtüchtigen Personen das Alter, Geschlecht und die Fitness. Auch allgemein gesundheitsschädigende Faktoren wie Übergewicht, Rauchen und regelmäßiger Alkoholkonsum beeinflussen die Entstehung der Höhenkrankheit nicht wesentlich, obwohl sie die Leistungsfähigkeit am Berg beinträchtigen können." Klar: Besoffen biste am Berg genau so matschig wie im Tal. Dafür muss man doch nicht jahrelang forschen!?!
Überall ist PISAland...Gestern in Dresden im Carousel, wo Stefan Hermann die (wohl verdiente) Auszeichnung "Aufsteiger des Jahres" vom Feinschmecker erhielt - die Leser(innen) hatten ihn dazu gewählt. Wir gratulieren und verraten irgendwann auch einmal, was es so alles gab. Heute nur ein Gesprächsausschnitt: "Dresden liegt ja viel südlicher als die Champagne!" - "Nein: Es liegt nördlicher!" Aus diesem kurzen Zweiergesprächsfetzen entwickelte sich ein zwanzigminütiger Diskurs über die Lage im Allgemeinen und im Besonderen - die geografische Lage, natürlich. Eine vom freundlichen Service herbei gebrachte Karte löste unser Problem. Doch wen bitten die Amerikaner, die vielleicht demnächst von Präsident Bush in den Krieg geschickt werden, um Nachhilfe? DIe meisten haben nämlich keine Ahnung, wo die "Achse des Bösen" zu suchen ist. Schreibt der Spiegel (und der muss es ja wissen...)
Lichtspektakel-Nachtrag.Die Sächsische Zeitung berichtet über die Semperoper-Lichtshow und hat auch Bilder (Link im obigen Artikel). Nichts habe ich in der Online-Ausgabe der anderen Dresdner Zeitung gefunden habe. Ob es daran liegt, dass die SZ mit auf dem Sponsorenplakat stand und die DNN nicht? Dann wäre es eine Missachtung von geschätzt 50.000 Dresdnern!
[Update am Nachmittag] Habe mittlerweile die Print-Ausgabe der DNN gelesen: Da kommt das Spektakel mit einer Sonderseite ja doch ganz gut weg...
Bild am Sonntag.Blutorangenrot. Discostrahlergrell. Eisekaltblau. Die Semperoper im Mittelpunkt eines Lichtspektakels, das "Dresdner auf schöne Gedanken bringen" sollte, wie die Sächsische Zeitung vorab zu berichten wusste. Eine Millionen Euro, natürlich nur “etwa”, war Sponsoren das rund fünfzehnminütige Spektakel wert, das der Welt zeigen soll: Dresden leuchtet wieder. Und zwar mit so viel Strom, wie die Dresdner sonst in vier Tagen verbrauchen. Gert Hof als "Lichtkünstler" ließ zu Bachs "Toccata und Fuge in d-moll" eine üppige, aber keineswegs atemberaubende Show ab, und was das ZDF dann als "großes Feuerwerk" würdigte, war nicht mehr als die eine gezeigte Szene. Und die Ballons, die in Montagen vorab gezeigt wurden, haben wir auch nicht gesehen. Die Dresdner, die trotz eisiger Kälte zu Zehntausenden gekommen waren, kommentierten das Kurzereignis entsprechend zurückhaltend. Wer's verpasst hat, muss sich also nicht grämen und kann dennoch kommen – wir zeigen diese Stadt gerne!
Semperoper Lichtinstallation am 7. Dezember 2002. Bild: UVS
Stimmt. "Der Spiegel wird von Leuten gelesen, die das Land regieren. Der stern von Leuten, die denken, sie regieren das Land. Die FAZ von Leuten, die meinen, sie sollten das Land regieren. Der Focus von Leuten, die meinen, sie sollten eigentlich das Land regieren - die FAZ aber nicht verstehen. Die SZ wird von Leuten gelesen, denen es nichts ausmachen würde, das Land zu regieren, wenn sie dafür nicht in die Hauptstadt gehen müssten. Den Bunte-Lesern ist es egal, wer das Land regiert, solange die Leute sich dabei daneben benehmen. Die Bild wird von Leuten gelesen, die sich nicht sicher sind, ob überhaupt jemand regiert. Und das Handelsblatt wird von Leuten gelesen, denen egal ist, wer unter ihnen regiert. Womit klar ist, dass die Bild-Leser nicht so ganz falsch liegen.
Hat Martingefunden
Der Freitags-Tucho.Wir fahren heute nach Ladbergen ins Münsterland, wo der Verein zur Förderung des Wiederaufbaus der Frauenkirche Dresden das nunmehr dritte Benefiz-Konzert im Advent mit Ludwig Güttler veranstaltet. Der Verein besteht hauptsächlich aus dem Gastwirt und seiner Agentur. Wer also im Münsterland ist: Ich mache den Einlass - wer ohne Karte kommt und "Heute schon Aufgelesen?" als Parole ausgibt, kommt dennoch rein! Tucholsky war übrigens nie in Ladbergen, hat aber dennoch was Passendes geschrieben...
Die Musik kommt
Nun zwängt, die sonst Musik die Töchter lehrte,
sich ins Schwarzseidene mit dem Krachkorsett;
und daß man Haydn, Bach und Koschat ehrte,
beweist man durch Gesang und am Spinett.
Nun schlagen wieder löwenmähnige Meister
mit ihren Pranken auf die Flügel ein,
und fiedelt jemand Violin, dann heißt er
Mischka und soll erst sieben Jahre sein.
Du siehst mich lächelnd an, Eleonore -
auch du, Geliebte, seist ein Singtalent?
Doch jach entfleucht durch meinem rechten Ohre,
was dein Sopran mir in das linke flennt.
Ach ja, der Herbst! Die Blätter werden gelber,
und jedes Mädchen kriegt ein hohes C,
und auch der Muhsikpädagoge selber
stund auf und tremolieretee . . .
Du Stadt der Lieder, bist du nicht verwundert?
So jedes Jahr hast du um den Advent
Musikkonzerte Stücker achtzehnhundert -
doch mit Gewinn: nur sechseinhalb Prozent.
Theobald Tiger, Die Schaubühne, 09.10.1913, Nr. 41, S. 981. (c) Rowohlt Verlag
Das Grüne im Grauen. Heute ist Thanksgiving - in Amerika für Truthähne ein so trauriger Tag wie bei uns der Martinstag für die Gänse. Wieso die deutsche Truthahnzuchtindustrie Thanksgiving noch nicht auf die Liste einzuführender Feiertage gesetzt hat, entzieht sich meiner Kenntnis, wahrscheinlich ist das nur noch eine Frage der Zeit. Wenn es so weit sein sollte, werde ich den Verein dagegen gründen und den letzten Donnerstag im November zum Tag des Grünen im Grauen erklären: Das ist, im traurigen Monat November, der Auftakt zur Grünkohlsaison, weil es erfahrungsgemäß in der Woche zuvor immer einmal friert. Rezepte für leckeren Grünkohl gibt es im Norddeutschen en masse – meins hat auch eine Geschichte:
Grünkohl ohne Pinkel Als meine Altvorderen aus dem deutschen Ausland nach Ostfriesland kamen, wussten sie noch nicht, was ihnen da blüht. Vor allem eine Einladung zum Grünkohlessen, im Prinzip und angesichts der Lebensumstände in der Nachkriegszeit voller Dankbarkeit angenommen, ließ die Guten nachdenken: "Nu giv’t Kool met Pinkel!" hieß es. Das ließ die Einwanderer aus dem Morgenland erschauern, denn dass die Kultur hier so wenig hoch gehalten würde, das hätte man nicht gedacht. Mit Schaudern ging man von dannen.
Seitdem gibt’s bei uns immer Grünkohl ohne Pinkel, was auch für die Linie besser ist, denn die Pinkelwurst besteht fast nur aus fettem Speck und Hafergrütze...
Für die Zubereitung des Kohls braucht man einen sehr sehr großen Topf. In den kommt, auch wenn es ungesund klingt, Schmalz. Zum Schmalz gesellt sich eine zerschnittene große Zwiebel. Unter ständigem Rühren glasig dünsten und dann den zuvor zweimal in heißem Wasser gewaschenen Kohl hinzufügen. Im Topf wird der Kohl mit einem scharfen Messer klein geschnitten ("Amoklauf im Kochtopf").
Mit etwas Brühe aufgießen, damit nichts anbrennt (wir lassen ja sonst auch nichts anbrennen, oder?). Die Geschmackskomponente "würzig" erzielen wir einerseits durch eine leichte Gabe frisch gemahlenen Pfeffers und ggf. etwas Salz, aber hauptsächlich durch Beigabe von geräuchertem Bauchfleisch, luftgetrockneten oder frischen Mettendchen und Kassler. Unter den Kohl hieven und mitkochen lassen. Hafergrütze (gibt's im Reformhaus!) gehört auch hinein - sie bindet den Kohl, macht ihn sämig und bringt eine zusätzliche nussige Geschmackskomponente.
Etwa 30 Minuten köcheln, dann die Energie wegnehmen und den Inhalt des Topfes nachgaren lassen. Das Geheimnis des Kohls ist, frei nach Wilhelm Busch, dieses: ...wofür sie besonders schwärmt, wenn er wieder aufgewärmt! Also: Kohl kühl werden lassen, wieder erwärmen, kühl werden lassen, wieder erwärmen - drei- bis vier Mal wär’ schon recht!
Servieren sollte man immer reichlich Grünkohl mit Salzkartoffeln und - für Kassler und die Würste - Senf und Meerrettich. Dazu trinkt man keineswegs nur Pils, sondern gerne auch einen Weißwein!